Texte
DIE WASSERRUTSCHE (2011)
Eine kleine Erzählung
Als ich im Krankenhaus erwachte, wusste ich nicht, dass ich im Krankenhaus war. Ich wusste nicht, wo ich war, und ich wusste nicht, warum ich auf dem Rücken lag, warum auf einem Bett, warum Köpfe über mich gebeugt waren, warum man leise und behutsam zu mir sprach; auch habe ich vergessen, wen ich zuerst sah und ob ich die Menschen kannte.
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DER IDIOT UND DER SÜDEN (2011)
Zur Gaunersprache am Beispiel Griechenlands
Die Griechen, sagte unlängst ein Idiot, hätten über ihre Verhältnisse gelebt. Ich wäre ihm gern an die Gurgel gegangen, wartete aber ab, verkniff mir die Frage, wer über welche Verhältnisse gelebt hätte, der Idiot war in seinem Element.
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SCHLUSS UND STRICH (2011)
Anmerkungen zu Rapid unter dem Nationalsozialismus
Was all das mit uns zu tun habe, wird in den Foren gegeifert, weil man genau weiß, was das mit uns zu tun hat. Es sind immer jene, die ahnen, dass sie sich heute anders zu den brennenden Fragen ihrer Zeit verhalten müssten, die mit gespielter Bescheidenheit aufzutrumpfen versuchen: Man wisse nicht, wie man selbst sich damals verhalten hätte.
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DER MAZEDONISCHE FREUND (2010)
Warum musste mein Bruder zuhören?
Ich frage mich, wie die beiden Wiener, von denen mein Bruder in der U-Bahn hörte, mit den Trauernden in Mazedonien sprachen, als sie ankamen, um ihren Freund zu Grabe zu tragen.
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MAN UND DER LEKTOR (2010)
Arbeiten am Buch
Der Lektor sitzt einem erstmals, sagen wir, in einem Café an der Berliner Kastanienallee gegenüber, seine Frau korrigiert am Nebentisch Schularbeiten, die Kellnerin bringt Wein.
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FRAGEN AN DIE WELTWEITE AUSKUNFT (2010)
Unwürdige Lektüren
Ich lese nicht auf der Toilette. Es gibt Menschen, die das lieben. Da liegen Bücher und Magazine auf, Zeitungen und Atlanten, Comics und Kataloge, Seiten für jede Stimmung. Trotzdem käme ich nicht auf die Idee, etwas davon in die Hand zu nehmen.
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MEIN BURGENLAND, MEIN BALKAN (2010)
Ein Essay im Januar
„Wenn sie mich fragen, werde ich sagen, daß ich nirgends herkomme und niemanden kenne. Es gibt mich einfach nur so.“ So spricht eine Figur in einer Erzählung Terézia Moras, die in Sopron oder Ödenburg aufwuchs, das die Hauptstadt jenes Landes hätte sein sollen, in dem es kaum Burgen gibt und das dennoch nach ihnen benannt ist.
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TRAGÖDIE DER EITELKEIT, KOMÖDIE DER VERGEBLICHKEIT (2010)
Zu Peter Wagners "Die Burgenbürger"
Bekanntlich ist die Frage, ob etwas eine Komödie oder eine Tragödie sei, nicht immer eindeutig zu entscheiden. Die Schwierigkeit, in der Tragödie nicht die Komödie und in dieser nicht jene zu sehen, ist zumal in jenem schmalen Streifen Welt, das seit beinahe neunzig Jahren auf den Namen Burgenland hört, oft aufs Äußerste zugespitzt.
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VORHANG AUF, VORHANG ZU (2009)
Aufwachsen am Eisernen Vorhang
Ich bin am Eisernen Vorhang aufgewachsen, das heißt: Ich bin im Kalten Krieg, im Krieg um die Köpfe, im Krieg der Ideologien, in der Konfrontation der beiden Reiche aufgewachsen.
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SUCHE NACH NEUEN MENSCHEN (2009)
Anmerkungen zum perversen Bildungsfernsehen
Wer sich einmal in der Vormittagswelt der deutschen Privatsender verfängt, wird in dieser Form der Blendung und wechselseitigen Verblendung etwas anderes finden: ein Zurichtungsfernsehen, das direkt aufs Leben zielt, ein im Wortsinne perverses Bildungsfernsehen.
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EIN LÄCHELN IM GESICHT (2009)
Zum Bild einer Demonstrantin
Ich weiß nicht, wie sie heißt. Ich weiß nicht, was sie tut. Ich weiß nicht einmal, wo sie lebt. Auch weiß ich nicht, ob sie Männer liebt oder Frauen – oder beide. Ich weiß nur, dass sie eine von uns ist. Allerdings weiß ich auch nicht so genau, wer wir sind ...
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WENN ROT GELB WIRD (2008)
Über Fußball
Ich träume noch immer vom Fußball. Da ist dieser wiederkehrende, variantenreiche, schlechte Traum. Daß ich mich irgendwo verzettle, am Weg zum Stadion, zu einem wichtigen Spiel, das dann, wenn ich ins Stadion komme und in die Umkleidekabine laufe, längst begonnen hat. Der Trainer ist böse, die Mitspieler sind es auch, bis auf einen, der statt mir einlaufen durfte. Ich kann nicht mitspielen, darf nicht mehr, ich muß zusehen. Wenn ich aufwache, bin ich erleichtert, daß es nicht so schlimm ist ...
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MANGA (2006/08)
Eine Horrorfahrt auf Kreta
Als ich in Heraklion mit dem Ziel Asfaleia Rollen Nummer Vier in ein Taxi stieg, saß eine junge Frau mit großer schwarzer Sonnenbrille im Fond. Der Lenker nickte, musterte mich und schwieg. Nach einer Weile drehte er sich zu mir: Security Police? Ich nickte, er stellte die Musik lauter und begann mitzusingen. Die junge Frau schwieg bis zum Aussteigen ...
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IMMER AUF DER HUT (2005)
Kleine Peterwagnergeschichten
Ja, lieber Peter, wir haben im Lauf der Zeit ein paar Worte gefunden, die wir die unsren nennen können, die etwas mit uns zu tun haben. Pausbäckig etwa, als Haupt wie Eigenschaftswort zu gebrauchen. Die Pausbäckigen, das sind all die feisten Klein und Großentscheidungsträger, die meistens lächerlich, bisweilen gefährlich, oft mächtig, immer aber pausbäckig sind ...
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BEING FRANCIS FUKUYAMA (2004)
Über einen seltsamen Traum
In Being John Malkovich entdeckt der Marionettenspieler Craig in dem seltsamen Büro, in das er zum Aktenschlichten zwecks Lebenserhaltung eingetreten ist, eine niedrige Tür. Wer sie öffnet und einen Gang entlangzukriechen beginnt, wird für eine gewisse Zeit in den Schauspieler John Malkovich katapultiert ...
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DER VERDOPPELTE WALDHEIM (2007)
Zum Tod Kurt Waldheims
Mit Kurt Waldheim wurde nicht nur ein Mensch begraben. Mit ihm wurde ein Symbol begraben, eine Auseinandersetzung, die fortdauert. Waldheim wurde gleichsam doppelt begraben: neben und mit dem Körper, der einmal Träger von Ideen und Anrufungen war, der einmal aufgrund dieser Ideen und Anrufungen in seiner Lebenszeit handelte, wurde eine Lücke begraben ...
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EIN DICKER BRIEF AN EINEN UNMENSCHEN (2007)
Zu Stefan Horvaths Erzählung "Katzenstreu"
Nietzsche schrieb einmal, ein Buch sei wie ein dicker Brief an Freunde. Ein Buch kann aber genauso gut und vielleicht noch besser ein dicker Brief an Feinde sein. Das Problem ist nur, dass die selten Bücher lesen, zumal solche, die gegen sie gerichtet sind. Trotzdem oder gerade deswegen könnte man Stefan Horvaths „Katzenstreu“ als dicken Brief an einen toten Feind lesen ...
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IM RATHAUS VON OBERWART (2005)
Zur Tagung zur Zigeunerfrage 1933
Am 15. Jänner 1933 versammelte sich, wie ein Protokoll überliefert, eine erkleckliche Anzahl von Männern im Rathaus von Oberwart, um über die sogenannte Zigeunerfrage zu beratschlagen. Gekommen waren National und Landesräte jeglicher Couleur, ein Landesgendarmeriekommandant, Herren von der Justiz, ein Regierungsforstoberkommissar, sowie „fast sämtliche Bürgermeister und Amtmänner des Bezirkes Oberwart“ ...
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WER ZEUGT FÜR DEN ZEUGEN? (2008)
Stellen wir uns einen Mann vor, der ein Buch veröffentlicht, das Bruchstücke heißt, am schwarzweißen Cover sehen wir überwachsene Geleise, unter dem Titel steht Aus einer Kindheit 1939-1948 geschrieben. Der Mann heißt Binjamin Wilkomirski, und er erzählt von einem Schweizer Waisenhaus nach dem Zweiten Weltkrieg, dessen Strenge und Regeln und Aufseherinnen in ihm eine andere, jüngstvergangene und nievergangene Zeit wachrufen – eine Kindheit in Majdanek und Auschwitz ...
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ÖSTERREICHISCHE RELATIVITÄTSTHEORIE (2008)
Zum Tod Jörg Haiders
Jörg Haider ist tot, und Österreich hält es auf einmal mit Thomas Bernhard. Der hatte seine berühmte Staatspreisrede mit dem oft variierten Satz begonnen: „Es ist nichts zu loben, nichts zu verdammen, nichts anzuklagen, aber es ist vieles lächerlich; es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt.“ ...
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VIEL ALLEIN (2008)
Anmerkungen zu Barack Obama
Judith Butler erzählt in einem Interview von einem Jungen in einer US-amerikanischen Kleinstadt, der beim Gehen gern die Hüften schwingen ließ. Je älter er wurde, desto sicherer trat er auf – bis ihn eines Tages junge Männer, die ihn lange schon schikaniert hatten, über eine Brücke warfen, was ihm das Leben kostete ...
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ALS DER STRICK RISS (2008)
Über die Hartberger Freiheitskämpfer
Im September 1944 kehrt ein gewisser Gustav Pfeiler nicht mehr an die Front zurück. Der Deserteur, der vor 1938 der Heimwehr angehört hatte, beginnt eine Gruppe von Männern und Frauen um sich zu scharen – kurz vor der bedingungslosen Kapitulation des Großdeutschen Reichs werden es an die dreihundert sein ...
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KEIN WUNDER VON WIEN (2008)
Zum Alltagsrassismus
Österreich zelebriert die Europameisterschaft im Fußball, Flaggen wehen von Autodächern, national gefärbte Gesichter überall, Wien zeigt, dass es anders ist, weltoffen, multikulturell, ein bisschen wie Berlin, das während der Weltmeisterschaften eine andere deutsche Geschichte zeigen wollte, und in der Fanzone trinken alle das gleiche Bier um vier Euro fünfzig ...
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ERÖFFNUNGSREDE BURGENLÄNDISCHE FILMTAGE (2006)
Eine Grenze ist, wie das Gesetz, da, um überschritten zu werden. Ohne Grenze gäbe es keine Überschreitung, ohne Gesetz keine Übertretung. Das Haus, das sich offen nennt, in dem in den nächsten Tagen Filme zu sehen sein werden, in denen es immer wieder um Grenzen und Erfahrungen derselben gehen wird, steht in einer Stadt, deren Wappen einen Grenzwächter darstellt ...
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LASTER, LOTTER, LEBEN (2004)
Zum Weltnichtrauchertag
Bisweilen finden sich die bizarrsten und wahrsten Geschichten in den Nachrichtenkästchen der Zeitungen: Der Judasdarsteller bei italienischen Passionsspielen etwa, der in seinem Eifer, einen Verräter darzustellen, nach Vorstellungsende tatsächlich tot am Baum hängt ...
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BEING FRANZ F. (2007)
Ein Gespräch mit Stefan Horvath
"Franz Fuchs wollte mir zu Lebzeiten keine Antworten geben auf das, was er getan hat. Für mich aber war mit seinem Tod dieses Thema nicht abgeschlossen. Ich wusste, ich muss es für mich selbst aufarbeiten, und zwar so, dass ich mir die Fragen stelle, aber gleichzeitig die Antworten geben kann, um meinen inneren Seelenfrieden zu finden. Daher habe ich versucht, Franz Fuchs von Haus aus nicht als Feind zu sehen. Ich habe versucht, sehr weit in sein Leben einzudringen." ...
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DRESSUR UND TAUSCH (2003)
Zur Zurüstung des Ich
Als Lenin 1922 einen ersten schweren Schlaganfall erlitt, der ihn an den Rollstuhl fesselte und zeitweise am Sprechen hinderte, erbat er sich vom Zentralkomitee der Bolschewiki die Zustimmung zu seinem Selbstmord ...
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DAS VOGERL UND DIE ZEIT (2005)
Über das Glück
Das Glück, so heißt’s, ist ein Vogerl – flüchtig wie dieses, einmal da und einmal dort, wann es wieder kommt, ist höchst ungewiss. Dieses merkwürdige Wort, das im Deutschen – im Unterschied etwa zur englischen Unterscheidung von »happiness« und »luck« – einen Zustand, in dem ein Mensch sein kann, und einen Zufall, der vom Wollen der Einzelnen unabhängig ist, gleichzeitig benennt, unterhält eine folgenreiche Verbindung mit dem Begriff des Zeitpunkts, wie ihn die abendländische Philosophie seit Aristoteles dachte ...
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WEGWECHSEL! (2003)
Vom Reisen
Zugegeben: Das Reisen gehört zum besseren Leben. Jetzt ist das Leben selbst oft als Reise beschrieben worden. Da rattert ein gewaltiger Zug, in dem Hegels Weltgeistschaffner sitzt. Der trägt heute die Globalisierungstracht und ist wie stets um einen Heiligenschein bemüht ...
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WORÜBER ICH SCHREIBE, IST NICHT VERGANGEN (2008)
Gespräch mit Erich Hackl
"Ich komme lebensgeschichtlich aus einem antistalinistischen Umfeld, durch meine Mitarbeit am Wiener Tagebuch, das von abtrünnigen Kommunisten herausgegeben und redigiert wurde, durch meine Sympathie für den spanischen Eurokommunismus, durch die Tatsache, dass mich als Jugendlichen die Niederschlagung des Prager Frühlings am meisten bewegt hat." ...
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LIEBER TONI (2007)
Ein Brief an den Helden meiner Jugend
Lieber Toni, ich habe Dich bei mir immer Toni genannt und werde jetzt, auch wenn es den Höflichkeits und Distanzbestimmungen angemessen wäre, nicht Sie oder Herr Polster schreiben. Eine derartige Distanz gab es nie. Ich hatte in meinem Leben nur ein Idol – und das war Toni Polster ...
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