CLEMENS BERGER
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Pressestimmen "Und hieb ihm das rechte Ohr ab "

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Wenn es in der Literatur so etwas wie aufwühlende Stimmigkeit gibt, dann hat sie in Clemens Berger ihren Meister gefunden.

Unmöglichkeiten der Liebe

Das Blau des Südens, der Blues des Nordens: Clemens Bergers Prosa ist sympathisch unaufgeregt und bezaubernd schön

Wer Literatur und Italien zusammen denkt, der denkt zwangsläufig an Goethe, an Heinrich Mann und Florenz, an Thomas Mann und Venedig, an Rom, Josef Winkler und Ingeborg Bachmann, denkt daran, dass der Süden deutschsprachigen Autoren von jeher die bevorzugte Projektionsfläche für allerhand Sehnsüchte gewesen ist.
Und auch wenn die in Rom angesiedelte Erzählung "So warm im Kopf" aus Clemens Bergers jüngstem Sammelband "Und hieb ihm das rechte Ohr ab" mit der klassischen Künstlernovelle vordergründig wenig gemein hat, so schreibt sie doch eine Traditionslinie fort, die motivisch dort anknüpft, wo der Grat zwischen Nabelschau und Eingemachtem ein besonders schmaler ist: das Befragen künstlerischer Existenz(en), der Benennungsversuch einer unbändigen Sehnsucht nach Leben im Allgemeinen und nach Liebe im Besonderen. Bergers Figuren sind in ihrer Zeitlosigkeit überraschend heutig, und mit Grandezza meistert ihr Erfinder, was F. C. Delius in seinem brillanten Rom-Essay moniert: "Alle Leute meinen, Inspirationen flögen in der warmweichen Luft besonders gut, Szenen auf den Straßen brauche man nur abzumalen, ein bisschen Bildung reiche zur Tiefensättigung, und mit etwas ästhetischem Verstand ließen sich schöne Bogen schlagen zwischen altrömischen Säulen und finnischen Handys, zwischen Espressotassen und Schlaglöchern im Asphalt." Das Ich in "So warm im Kopf" tauscht Espressotasse gegen Plastikbecher, raucht zahllose Zigaretten mit der Französin Cherelle, die es maßlos beseelt und manchmal betört, die im Begriffe ist, Philosophie an der Sorbonne zu lehren, deren Steckenpferd Heidegger ist und die Gedichte schreibt, Romane auch.
Es ist also eine riskante, weil allzu bekannte Fährte, die der Autor da legt, und wie immer in der großen Literatur kommt es mehr auf die Bewältigung des schmalen Grates denn auf dessen Beschaffenheit an. Die Patin beim Namen zu nennen ist eine simple wie geniale Immunisierungsstrategie: "Wenn es mir schlecht geht, ist es kalt in meinem Kopf, unter den Schläfen braut sich etwas zusammen, mir stockt der Atem, die Worte klingen nicht nach meiner Stimme, die sich an eine andere, schlechte, verdeckende Sprache verloren hat, an die Gaunersprache, von der Ingeborg Bachmann spricht." Aber noch ist die Paralyse fern, noch wird das Brüchige vom Zauber des Augenblicks hintangehalten, noch ist Rom der Ereignisraum ihres Glücks, und Glück bedeutet ihnen allem voran das Finden einer gemeinsamen Sprache: "Unsere Stimmen verhakten sich ineinander, zwei Sprachen erschufen eine dritte Sprache, Worte im Moment, die von da an mit ihm verbunden waren." 

Am Ende werden sie aus ihrem Sprach- und Rom-Paradies vertrieben, wird jeder in sein eigenes Leben zurückgekehrt sein. Was bleibt, ist die erlangte Gewissheit, dass es eine Dimension von Liebe und Leben jenseits der Alltagserfahrungen gibt. Auf die Existenz dieses "anderen Lebens, anderen Liebens" , auf die Grammatik einer "dritten Sprache" setzen auch die übrigen vier Geschichten in Bergers Erzählband, und alle sind sie bei all ihrer Tragik doch versöhnlich, wenngleich das keine Versöhnlichkeit ist, die mit einem sogenannten guten Ende einherginge. Im Gegenteil: Am Ende ist nichts mehr, wie es einmal war, und doch stellt sich anstatt Beklommenheit das Gefühl ein, dass die Geschichten nur so ausgehen können, wie sie es eben tun, im besten Sinne radikal sind. Wenn es in der Literatur so etwas wie aufwühlende Stimmigkeit gibt, dann hat sie in Clemens Berger ihren Meister gefunden.
Auch wenn der 1979 in Güssing geborene Autor mit seinen Romanen Paul Beers Beweis und Die Wettesser allemal schon mehr als eine Talentprobe abgelegt hat, so erstaunt es doch, mit welcher Souveränität er mit dem Personal und den Themen einer Literatur umgeht, die in letzter Zeit zusehends als Förderpreis-Belletristik gebrandmarkt worden ist.

Bergers Figuren stammen vornehmlich aus dem Künstler- und Akademikermilieu, sind nicht mehr zwanzig und noch nicht fünfzig, sie leben in Wien oder Rom, im Burgenland oder der Bretagne, und er verhilft ihnen zu einem Recht, das ihnen feuilletonistisch hinlänglich abgesprochen worden ist. Das Leiden und Lieben, das Sehnen und Wünschen einer intellektuellen Mittelschicht kann und darf nicht gegen das Prekariatselend ausgespielt werden. Erst recht nicht, wenn einer so eindringlich und stilsicher, so adäquat und unsentimental schreibt und beschreibt wie Clemens Berger. Man braucht kein Prophet zu sein, um vorauszusehen, dass Clemens Berger sich alsbald im überschaubaren Ensemble österreichischer AutorInnen der sogenannten jüngeren Generation etablieren wird. Zu Recht. Literatur hat (entgegen gegenläufigen Tendenzen) nach wie vor eine Menge mit Sprache zu tun. Es geht beim Sprechen wie beim Schreiben immer auch um Übersetzen, und sei es ein vergleichsweise einfacher Vorgang wie das Übertragen vom Französischen ins Deutsche: "Bildet dich ein, sagte sie, wenn sie sagen wollte: Stell dir vor, nur mit dem Einbilden war sie mindestens genauso nah an der Präzision der Sprache."

Josef Bichler, Der Standard, 21./22.3.2009 (Faksimile)


Die Leichtigkeit, die wenigstens für einzelne Augenblicke erträgliche Leichtigkeit des Seins, nach der sich viele seiner Figuren – die allermeisten vergeblich – sehnen, hat Berger in seiner Sprache längst erreicht. Es ist unverkennbar die Sprache eines Passanten, der mit wenig Gepäck unterwegs ist und jedes Mal mit einer Vielzahl an überraschenden Beobachtungen und unerhörten Begebenheiten von seinen Reisen zurückkommt.

Clemens Bergers neue Sammlung von Erzählungen

Als vor sechs Jahren in der verdienstvollen burgenländischen Edition „lex liszt“ unter dem Titel „Der gehängte Mönch“ Clemens Bergers erstes Buch erschien, eine Sammlung von Kurz- und Kürzestgeschichten, vermerkte Erich Hackl euphorisch im „Spectrum“ der „Presse“: „Diesem jungen Autor steht die Welt offen, und er weiß sich in dieser Welt zu bewegen.“
Ein philosophisch geschulter Geschichtenerzähler hatte sich hier zu Wort gemeldet und überzeugte als skeptischer Zeitgenosse ebenso wie als Konstrukteur doppelter Böden, zunächst innerhalb kleiner und überschaubarer, bald aber auch innerhalb großer und geräumiger Gebäude. Denn auf den ersten Erzählband folgten mit „Paul Beers Beweis“ und „Die Wettesser“ zwei in Stoff, Stil und Aufbau höchst unterschiedliche Romane, die durchwegs positive Kritiken erhielten. Einen dritten Roman hat Berger derzeit in Arbeit – und mit dem Wallstein-Verlag in Göttingen auch eine dafür geeignete Heimstätte gefunden. Um die Wartezeit bis zum Erscheinen dieses Romans zu überbrücken, haben Autor und Verlag beschlossen, ihre Zusammenarbeit, ganz entgegen den üblichen Gepflogenheiten, mit einer Sammlung von Erzählungen zu beginnen.
Jede dieser fünf Erzählungen handelt von Menschen, die, ob sie es nun zugeben wollen oder nicht, eine unstillbare Sehnsucht nach einem anderen, intensiveren Leben, einer „Anders- und Gegenwelt“, antreibt. Geben sie ihr restlos nach, so laufen sie nur allzu leicht Gefahr, zu entgleisen, aus ihrer angestammten Bahn geworfen zu werden und nicht nur ihrer Mitwelt, sondern auch sich selber abhanden zu kommen. So ergeht es etwa dem Protagonisten der Geschichte „Aufreizendes Geplapper“, einem erfolgsverwöhnten, sachte vor sich hin resignierenden Wiener Philosophieprofessor, der sich, an einem toten Punkt seiner intellektuellen und beruflichen Entwicklung angelangt, via Internet in ein erotisches Abenteuer stürzt. So ergeht es, in wesentlich größerer Fallhöhe, auch dem Protagonisten der Titelgeschichte, „Und hieb ihm das rechte Ohr ab“, einem Mann in der Midlife crisis, dem seine kleinbürgerliche Existenz als Angestellter und Familienvater von Tag zu Tag fragwürdiger und brüchiger erscheint. In einem ausschließlich mit Laien aufgeführten Passionsspiel soll er den Judas spielen, und das löst in ihm etwas aus, das er weder abzuschätzen noch zu kontrollieren vermag. Mehr und mehr verliert er den scheinbar gesicherten Boden unter den Füßen und stellt mit einer Mischung aus Schrecken und Erleichterung fest, dass ihm alles seit jeher Vertraute im Handumdrehen fremd wird.
„Seit einiger Zeit verunsicherten ihn die Wörter“, heißt es an einer Stelle, und kurz darauf lesen wir den Satz: „Was ihm bislang nicht bewusst gewesen war, daß alle, die er kannte, nur in Stichworten sprachen, erschien ihm mit einem Mal bemerkenswert.“
Angewidert vom Kunstbetrieb, in dem ebenfalls fast nur mehr Stichworte ausgetauscht werden, geht in der Geschichte „Eine schwere Geburt“ wiederum eine Malerin an die Grenze, und das gleich in zweifacher Hinsicht: Sie siedelt sich nach langen Wanderjahren in der burgenländische Provinz an – und damit in einer Gegend, die bis vor zwanzig Jahren unmittelbar am Eisernen Vorhang lag – , und löst mit einem Altarbild, das die Geburt Jesu auf äußerst nüchterne, realistische Weise darstellt, einer Auftragsarbeit für eine dortige Kirche, einen enormen Skandal aus.
Religiosität in ihrer christlich-katholischen Ausprägung spielt in diesem Buch eine erstaunlich große und erwartungsgemäß ambivalente Rolle. Sie gehört zu dem Milieu, aus dem etliche Figuren stammen, ist Teil jener Welt, in der ihre Geschichten verortet sind und damit immerhin auch einer jener Rahmen, aus denen man jederzeit fallen kann.
Nicht von ungefähr ist es eine römische Kirche, San Luigi dei Francesi, in der die zwischen Rom, Wien und Paris spielende Liebesgeschichte ihren Anfang nimmt, die den Titel „So warm im Kopf“ trägt und in ihrer Poesie, ihrer verträumten Weitschweifigkeit und Verspieltheit wohl die eindrucksvollste der hier vorliegenden Erzählungen ist. Der Ich-Erzähler begibt sich darin auf die Suche nach einer vollkommenen Zweisamkeit und muss sie schließlich verloren geben, ohne deshalb aber auch nur eine einzige Erinnerung daran preis zu geben. Das Gegenstück zu dieser lichtvollen und farbenreichen Novelle ist die rasant im Stil einer klassischen amerikanischen short story erzählte Dreiecksgeschichte „Just because the sky“, von ganz und gar anderer, drückender Atmosphäre, im Tonfall wesentlich rauer und mit einem ungleich offeneren Ende versehen. Nach kargen, gehetzten Zwiegesprächen und knappen Schilderungen mündet sie in den Satz: „Er küsste sie, sie strich kurz über seinen Hinterkopf, dann stieg sie in den Bus.“
Clemens Berger versteht sich auf derart lakonische Kürze ebenso wie auf epische Breite und legt großes Augenmerk auf unscheinbare Ab- und Seitenwege. Das Geschehen steuert in seinen Geschichten kaum je schnurgerade, sondern in Mäandern auf einen Höhepunkt, eine die Spannung lösende Klimax, eine erlösende Katastrophe zu. Die meisten von ihnen verfügen somit über eine markante, überraschende Schlusspointe, doch wird diese nicht krampfhaft anvisiert, nicht angestrengt herbeigeschrieben, sondern taucht irgendwann wie von selber auf, stellt sich mühelos ein.
Die Sprache ist mitunter abgehackt und stakkatohaft, über weite Strecken jedoch ruhig und von geradezu klassischer Schlichtheit und Ausgewogenheit. In reizvollem Kontrast dazu steht eine alles andere als schlichte Erzählstruktur. Der Autor liebt rasche Perspektivenwechsel und verabscheut die öde Chronologie der Ereignisse und den linearen Erzählablauf. Ständig springt er von einer Vergangenheit in die andere und von dort wieder zurück in die Gegenwart, und man hat als Leser bisweilen einige Mühe, mit ihm Schritt zu halten und die Übergänge, die Stufen und Schwellen, die eine Zeit von der anderen trennen, nicht zu übersehen.
Die Leichtigkeit, die wenigstens für einzelne Augenblicke erträgliche Leichtigkeit des Seins, nach der sich viele seiner Figuren – die allermeisten vergeblich – sehnen, hat Berger in seiner Sprache längst erreicht. Es ist unverkennbar die Sprache eines Passanten, der mit wenig Gepäck unterwegs ist und jedes Mal mit einer Vielzahl an überraschenden Beobachtungen und unerhörten Begebenheiten von seinen Reisen zurückkommt.

Christian Teissl, ex libris / Ö1, 15.3.2009



Niemand widerspricht, wenn man den im Burgenland (Oberwart) aufgewachsenen Schriftsteller einen außerordentlichen Erzähler nennt. Er kann sich kurz fassen, sogar bei Verzwicktem, auch kann er breit ausholen und klassisch sein. Er ist über die Grenze zu den Großen gekommen.

Weißer Mann auf Muschel

Der war wirklich zu sehen, in Barcelona. Ein weiß geschminkter junger Mann, der nicht starr auf einem Podest stand wie die Kollegen in der Wiener Innenstadt: Er saß und las, er saß auf einer Klomuschel. Diese Figur kommt in Clemens Bergers mit Herzblut geschriebenem Erzählband "Und hieb ihm das rechte Ohr ab" nur am Rand vor. Jedoch drängte er ins Buch, allein schon deshalb, weil der Weiße Mann sehr sympathisch ist:

"Erstens", so der Autor zum KURIER, "weil er liest. Zweitens, weil er zeigt, was er von der Zeit, in der wir leben, hält. Drittens, weil er sich nicht vorschreiben lässt, was Glück heißt. Ich hoffe nur, dass er nicht für immer da sitzen bleibt." Der durchgehende Faden ist: Es werden Grenzen überschritten; meistens geht es schief. Ein Laiendarsteller, der zu Ostern den Verräter Judas spielen soll, schreit auf der Bühne mit bebender Stimme die römischen Soldaten an: "I brauch euer Geld ned!"
Geht es gut? Die Künstlerin, den Alten Meistern verpflichtet, malt für eine Kirche Christi Geburt - und zwar Maria mit gespreizten Beinen, aus ihrem Körper schaut ein Köpfchen mit Heiligenschein ... Kirchenbesucher bespucken und schlagen sie. Aber reich wird sie, und berühmt wird sie. Der durchgehende Faden heißt: Eine andere Welt muss her. Eine weniger verlogene. Eine mit viel Liebe.
Clemens Berger hält es bei der Liebe mit Paulus:
"Ohne sie wäre ich, auch wenn ich alle Geheimnisse kennen würde, dröhnendes Erz oder lärmende Pauke. Beziehungen sind natürlich wieder was anderes."

Niemand widerspricht, wenn man den im Burgenland (Oberwart) aufgewachsenen Schriftsteller einen außerordentlichen Erzähler nennt. Das geht schon seit drei Büchern so, zuletzt nahm er sich die Weltmeisterschaft im Hot-dog-Essen vor.
Clemens Berger hat etwas zu sagen. Er kann sich kurz fassen, sogar bei Verzwicktem, auch kann er breit ausholen und klassisch sein. Er ist über die Grenze zu den Großen gekommen. Nur Fußball spielt er nicht mehr so gut wie früher.

Peter Pisa, Kurier, 11.4.2009


Bergers Erzählungen sind so auch als Essays zu lesen, die nach der Möglichkeit der Liebe und der Hingabe jenseits moderner Standardisierung fragen.

Wiener Charme

Die Liebesgeschichten des 1979 geborenen Burgenländers Clemens Berger, der in Wien lebt, beziehen ihren Charme, ein wenig an Arthur Schnitzler erinnernd, aus dem mit feiner Ironie inszenierten Widerspruch zwischen moderner Lebensweise und altmodischen Gefühlen. Seine Figuren setzt er in reale oder virtuelle Räume wie in eine Versuchsanordnung, dann gibt er ein Quäntchen Leidenschaft hinzu und beobachtet kühl und doch zugewandt die Reaktionen. Ein Philosoph, der sich im Seminarraum an den Mastbaum der Disziplin bindet, wird im Chatroom zum erotischen Abenteurer. Der Judas-Darsteller im Passionsspiel verwächst zunehmend mit seiner Rolle und verstrickt sich in mehrfacher Hinsicht in existentielle Probleme. Eine Künstlerin möchte im Altarbild zum Elementaren zurück, aber sie nimmt die Bibel zu wörtlich. So landet ihr Bild doch wieder im Museum für moderne Kunst. Bergers Erzählungen sind so auch als Essays zu lesen, die nach der Möglichkeit der Liebe und der Hingabe jenseits moderner Standardisierung fragen. Dem entspricht in der Sprache die harte Fügung von komplexen Reflexionen, Zitaten aus der Medienwelt und den unveränderlichen Einfachsätzen, die aus dem Leben in die Popmusik wandern und zurück. "Ich hab mich in dich verliebt." Die Schönheit und das Glück sind so flüchtig wie eh und je. In der Erinnerung und im Wort leuchten die Bilder des Erfüllten, aber das Gedächtnis ist unzuverlässig und die Worte missverständlich. Ach, ja.

fap, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.4.2009


Sicher ist, dass nicht nur der erste Text leichtfüßig daherkommt – vielleicht ist gerade das das Schwerste, mit einem Buch Leichtigkeit zu erzeugen.

Ansprüche auf leichtem Fuß

Clemens Berger kann erzählen. Er hat die Gabe, eine Geschichte so zu beginnen, dass man ihr folgen will, er verfügt über das sprachliche Potenzial, den Leser bei der Stange beziehungsweise bei der Zeile zu halten, und er erzählt Geschichten, die man lesen will. Es geht nicht um Banalitäten, sondern um große Gefühle und hohe Ansprüche – um Kunst, Liebe und den Sinn des Lebens: „Das wahrste Bild von allen, und das revolutionärste“, sagte Iris am Telefon, „ist noch nicht gemalt worden. Glaub mir, einmal werde ich es malen“, so beginnt die Erzählung „Eine schwere Geburt“ und mit ihr das Buch „Und hieb ihm das rechte Ohr ab“. Wie schwer oder wie leicht dem Autor das Schreiben des Buches gefallen ist, weiß ich nicht. Sicher ist, dass nicht nur der erste Text leichtfüßig daherkommt – vielleicht ist gerade das das Schwerste, mit einem Buch Leichtigkeit zu erzeugen.

Die Künstlerin Iris hat sich in ein Dorf an der Grenze zu Ungarn zurückgezogen, um zu arbeiten und der zeitgenössischen abstrakten Kunst ihre Werke entgegenzusetzen. Wenn ihr naturalistisches Altarbild von der Geburt Christi zu Weihnachten enthüllt wird, lässt sich ausrechnen, dass das Kirchenvolk nicht vollkommen damit einverstanden sein könnte. Das Gute an Bergers Texten: Die Überraschungen in den Erzählungen lassen sich teilweise erahnen, überraschen dann aber dennoch mit unerwarteten Wendungen. Das gilt auch für den titelgebenden Text, in dem der Laiendarsteller Alfred sich mehr und mehr in seine Rolle als Judas bei den Passionsspielen hineindenkt. Es kommt, wie es kommen muss, aber dennoch ein bisschen anders, als man vermuten würde.
Dass Berger jung ist, er wurde 1979 im Burgenland geboren und wuchs dort auch auf, merkt man den Erzählungen dieses Bandes an. Sie sind frisch, strotzen vor Lebendigkeit und verfügen über hohe Intensität. Und als Leser wird man in diese dichte Atmosphäre hineingezogen. Die Figuren in diesem Buch sind unterwegs: zu sich selbst, zum Du oder vom Du weg, sie halten sich im Burgenland ebenso auf wie in Rom oder Paris. Ebenso wie Clemens Berger, der von sich sagt, dass er in Wien, im Burgenland und unterwegs lebt. Natürlich liegt es da nahe, auch Autobiografisches in den Erzählungen zu vermuten. Doch eigentlich ist diese Frage völlig nebensächlich, was zählt: dass die Figuren authentisch sind und im Augenblick leben, dass die Geschichten in sich stimmen und dass Berger nicht nur die Kunst des genauen Hinschauens, sondern auch die des treffenden Hinschreibens beherrscht.

Oft sind es gelungene Wendungen oder einzelne Sätze, die bei der Lektüre Freude machen, wie etwa: „Zwei alte Menschen kamen Hand in Hand auf ihn zu, musterten ihn und grüßten, als wären sie ein Mensch.“ Berger mag seine Figuren, was auch sein Kollege Erich Hackl empfindet, wenn er in den Texten sowohl Humor als auch Doppelbödigkeit und „Zärtlichkeit gegenüber den Helden“ ausmacht. Dass der junge Autor von einem renommierten deutschen Haus wie dem Wallstein Verlag betreut wird, ist erfreulich. Was nach der Lektüre noch bleibt, ist die Erkenntnis, dass Erzählungen entgegen der derzeit geübten Marktpraxis durchaus ihre Berechtigung haben. Nicht nur große Romane bereiten großes Leservergnügen.

Gerhard Altmann, Die Presse, 30.05.2009


Aber wo den meist unerbittlich Scheiternden ein Plot mitgegeben ist, der das Zitierte wirklich neu anblickt, wo Berger seine professionellen und verhinderten Philosophen die radikalsten Fragen stellen lässt, um daraus erzählerisch die Konsequenzen zu ziehen, da gelingt so etwas wie der „Faustschlag auf den Schädel”, den Kafka von guten Büchern erwartet hat.

Gegenweltskonstrukteure

Wer mit „Und” anfängt, macht klar, dass das kein Anfang ist. Sagt, dass da links vom Text noch etwas steht, Weiß auf Weiß. Und fordert, dass auch das, was wortlos gesagt ist, vor und neben den Zeilen, gelesen werden soll. „Und hieb ihm das rechte Ohr ab”, ist Clemens Bergers neuer Band überschrieben, was schon andeutet, dass es dem Autor in den fünf Erzählungen um Passionen geht; gespielte und wirkliche und solche, die durch Spiel wirklich werden. Dass Berger Zitate liebt, verrät der Titel außerdem. Und dass sich seine durch und durch heutigen Figuren kompromisslos an den uralten Traditionen abarbeiten.

Die Protagonisten sind fast ausnahmslos aufstrebende Intellektuelle und Künstler in der Alterszone 30; getriebene Wahrheits- und Entgrenzungssucher, emphatische Gegenweltskonstrukteure. Mit den allzu überschwänglich Liebenden unter ihnen wandelt der Autor oft ganz hart an der Grenze zum Kitsch; manchmal auch jenseits. Aber wo den meist unerbittlich Scheiternden ein Plot mitgegeben ist, der das Zitierte wirklich neu anblickt, wo Berger seine professionellen und verhinderten Philosophen die radikalsten Fragen stellen lässt, um daraus erzählerisch die Konsequenzen zu ziehen, da gelingt so etwas wie der „Faustschlag auf den Schädel”, den Kafka von guten Büchern erwartet hat.

Das gilt außer für die Titelgeschichte vor allem für die Eingangserzählung um die junge Malerin Iris, die in ihren ständigen Passagen zwischen Kunstsphäre und umrahmender Wirklichkeit eine typische Berger-Figur ist. Tiefe Unmittelbarkeitssehnsucht und der Wunsch, den musealen Raum zu überschreiten, führen zur Krise einer Kunst, der das althergebrachte Konzept von Gesellschaftskritik ebenso verdächtig geworden ist wie die utopischen Zukunftsentwürfe. Gerade im Suchen nach dem revolutionärsten Bild von allen, nach dem „stärksten, die Zeiten überdauernden Einspruch gegen Herrschaft” führt Iris’ Ausbruchsversuch in den „toten Winkel” des ost-österreichischen Grenzlands und in ein künstlerisches Gegenprogramm: „wie eine Alte Meisterin malen, aber auf der Höhe der Zeit.”

Hier hätte man den Konflikt auf das Prekäre dieses Ansatzes hin zuspitzen können: schärfstmöglicher Protest oder schöngeredete Affirmation? Paradoxe Zeitnähe oder unfreiwilliger Backlash? Berger wählt einen anderen Weg, lässt individuellen Kunstentwurf und reaktionäre Dorfwelt zusammenstoßen und führt die Handlung in nicht-linearer Stringenz auf den Skandal hin, der Iris’ Altarbild „Christi Geburt” überhaupt erst an den Ort bringt, vor dem sie geflohen war: ins Museum. Dass die satirische und zugleich elegische Parabel auf den Kunstbetrieb nebenbei als unaufdringlich erzählte Liebesgeschichte funktioniert, macht sie fast ebenso vielschichtig wie die Novelle, von der auch der Band seinen Titel hat und die im Subtext mehrfach mit dem Eröffnungstext korrespondiert.
Und hieb ihm das rechte Ohr ab ist wohl trotzdem die noch ambitioniertere Erzählung von beiden. Darin soll Alfred, den alle nur Fredi nennen, bei einer Laienaufführung der Passionsspiele den Judas spielen. Doch Spielen, das heißt für ihn immer weniger ein „Als ob” und immer mehr ein Einswerden mit der Fiktion. Alfred verliert sich in der Rolle, die er spielt, verliert sich an sie. Und er will innerhalb ihrer wissen, welche Rolle er für die Geschichte spielt: Ist Judas vielleicht sogar Jesus’ wichtigster Verbündeter, weil ohne den Verrat der göttliche Plan nicht aufgehen würde? „Bin ich also”, fragt Alfred, „ein Verräter oder sein bester Freund?”
So wie ihm die Rollen- und Ich-Grenzen verschwimmen, überblendet die Erzählung durch das Kuss-Motiv und mithilfe der Schlüsselwörter „Schuld” und „Verrat” den Handlungsstrang „Identitätskrise” mit einem vertrackten Liebeskonflikt. Das wirkt stellenweise etwas forciert, sorgt aber erst für die zusätzliche Spiegelung, die der Erzählung ihre atemberaubende Dialektik gibt und den Protagonisten bis zum Ende tief ambivalent macht. Spricht aus Alfreds leidenschaftlichem Spiel Idealismus oder eine fanatisch-biedere Pflichterfüllungsmentalität? Ist der Paukenschlag, den er am Ende setzt, Protest oder bloße Ausflucht, nicht nur vor seinem Fredi-, sondern auch vor dem Alfred-Leben?

Noch eine andere Perspektive eröffnet Berger, wenn er mit ganz wenigen Worten die antisemitischen Ressentiments vor allem des Regisseurs andeutet und zugleich zeigt, welche Entwicklung der Protagonist in seiner autodidaktischen Bibelexegese nimmt. Alfred lernt genaues Lesen, nicht nur des Textes, den er spielen soll, sondern auch der Regieanweisungen, der Worte seiner Mitmenschen. Vor diesem Hintergrund wird seine autonome Performance bei der Premiere lesbar als Aufstand und ungeheurer Racheakt. Ein verzweifelt hilfloser allerdings, der auf den Deutungswillen derer angewiesen ist, gegen die er sich richtet.

Wenn im Vergleich zu dieser hochkomplexen Novelle eine Erzählung auch mal ganz einfach gestrickt ist, muss man dies dem Autor bestimmt nicht ankreiden. Schade aber ist, wenn ihr auch das Frappierende des unkonventionellen Blicks abgeht, der vielleicht Bergers größte Stärke ist. So ist Just because the sky? eine Dreiecksgeschichte geworden, die - pardon - recht nullachtfünfzehn daherkommt, auch weil ihr dort, wo sie ansetzt, tiefer zu dringen, ein etwas zu geschwätziger Erzähler mit seinen Selbstinterpretationen in die Quere kommt.

Etwas dekonstruktiven Input hätte vor allem auch die Italien-Geschichte So warm im Kopf nötig gehabt, deren entspanntes Verhältnis zum Klischee dann doch erstaunt. Hier ist es meist, wie es häufig war in der deutschsprachigen Literatur: Rom, Amalfi, Neapel; arte, bellezza, amore. Doch weder wird die Traditionslinie gebrochen, noch gelingt die Evokation. Das Große, was da an Erlebtem oder Imaginiertem transportiert werden soll, bleibt irgendwo zwischen Autor und Leser in der Leitung stecken und heraus ploppt am Ende oft nur ein schnödes Adjektiv, das für alle behauptete Überwältigung einstehen soll. Ein Wort wie „schön” oder „wunderschön”, die überhaupt Lieblingsvokabeln in dem Band sind; allerdings auch von überschaubarer Plastizität.

Ähnliches gilt leider für die vielen erotischen Szenen des Buchs mit ihrem „Sie lagen erschöpft und lächelnd nebeneinander”-Duktus. „Wie erregt er war, als sie beim Laufen zum Dehnen stehen blieben, er ihr zeigte, wie sie die Hände am Rücken zu verschränken habe, wie er sich sofort wegdrehen musste, um sie nicht sehen zu lassen, was sich an seiner Hose abzeichnete.” Die Erregung sei dem Protagonisten ja gegönnt. Nur ist das sprachlich doch eher ein Liebestöter. Ganz anders die Abschlussgeschichte. Frei von den Narzissmen, die sich Bergers männliche Erzähler gelegentlich gönnen, steuert der Plot hier ohne Umschweife auf die Demontage des Helden zu und entfaltet die Erzählung gerade dadurch ihren Drive, dass sie am Nahen der Katastrophe keinen Zweifel lässt. Sondern nur noch ein wenig das Wie vorenthält.

Daniel Graf, Edit, 25.9.2009


Um Liebe und Kunst geht es in den Erzählungen von Clemens Berger, um weltbewegende Momente, von denen zwar die Welt nichts merkt, aber ein Einzelner so erschüttert wird, dass für ihn nichts mehr ist wie zuvor. (...) Clemens Bergers Stärke ist es, ganz ruhig die Atmosphäre zu zeigen, in der seine Figuren innerlich leben und sie bis zu einem Kulminationspunkt zu begleiten.

Am Wendepunkt

In den Künsten und in der Liebe geht es ums Ultimative. Eine große Liebe macht die Liebenden einzigartig füreinander und verändert sie schon dadurch über das Ende der Liebe hinaus. Und große Kunst ist einzigartig. Nie zuvor ist etwas so gesehen und gezeigt oder ausgedrückt worden, deshalb kommt auch der geschickteste Fälscher, der gescheiteste Epigone immer zu spät.

Um Liebe und Kunst geht es in den Erzählungen von Clemens Berger, um weltbewegende Momente, von denen zwar die Welt nichts merkt, aber ein Einzelner so erschüttert wird, dass für ihn nichts mehr ist wie zuvor.

In der Geschichte, die für den schmalen Prosaband zum Titel wurde, geht es um Alfred, der überredet worden war, in einem Passionsspiel mitzuwirken. Er spielt die Rolle des Judas. Alfred ist ein Mann, von dem es heißt, er sei weder glücklich noch unglücklich. Man könnte sagen, sein Leben ist wohltemperiert, man könnte es aber auch lau und langweilig nennen. Durch das Theaterspielen wird Alfred immer lebendiger, immer entschiedener. Er erinnert sich an seine Kindheit, an die Schläge des Vaters, an die fromme Mutter. Und an die Auftritte von Herrn Horvath in der Kirche:

"Jeden Karfreitag war ein alter kleiner Mann ans Pult neben dem Altar getreten und hatte aus der Heiligen Schrift gelesen. Er hatte seinen besten Anzug getragen, den einzigen wahrscheinlich. … Herr Horvath war ein einfacher Mensch gewesen, keiner, den man mit großen Reden und teuren Kränzen zu Grabe trug. Gerade so wie Alfred. … Und diese Lesung am Karfreitag, vorm Pult in der randvollen Kirche, war sein großer Auftritt gewesen. Der Auftritt seines Lebens."

Für Alfred wird die Rolle des Judas zum Auftritt seines Lebens. Die Proben bereichern ihn mit neuen Gedanken und Gefühlen, die ihn verwandeln, ihn selbstbewusst machen und in die Leidenschaft zu Anna führen, seiner großen unerfüllten Liebe schon seit Jugendzeiten. Auch seine Gedanken über die Rolle des Judas will er mit ihr teilen:

"Wenn ich Jesus nicht übergeben hätte, könnte es dann heißen: Und es geschah, wie es geschrieben stand?
Nein.
Und wenn sie ihn nicht gekreuzigt hätten, wenn er an einem Herzinfarkt oder an Altersschwäche gestorben wäre, wäre er dann der Gekreuzigte, der für uns starb?
Nein.
Bin ich also ein Verräter oder sein bester Freund? Sein treuester Gehilfe?
Du bist verrückt."

In allen fünf Erzählungen von Clemens Berger verrückt sich für die Protagonisten die Weltsicht auf entscheidende, wenn auch für andere nicht unbedingt nachvollziehbare Weise. Bergers Hauptpersonen geraten so an Wendepunkte ihres Lebens. Das ist nicht in jedem Fall mit Glück verbunden, in manchen sogar katastrophal.

Clemens Bergers Stärke ist es, ganz ruhig die Atmosphäre zu zeigen, in der seine Figuren innerlich leben und sie bis zu einem Kulminationspunkt zu begleiten. Es sind also klassische Kurzgeschichten. Und auch sein Stil wirkt klassisch. Leider neigt Berger allerdings immer mal wieder zu grammatisch höchst umständlich konstruierten Sätzen, und wenn in einem Absatz von 14 Zeilen zehnmal das Wort "hatte" auftaucht, ist das auch nicht schön.

Aber Berger hat eine eigene Art Geschichten zu erzählen, und es ließen sich auch Belege für seine Formulierungskunst zitieren. Es ist zu spüren, wie ambitioniert er ist, wie ernst er es meint. Vielleicht so ernst, wie die Malerin in seiner ersten Geschichte:

"'Das wahrste Bild von allen, und das revolutionärste', sagte Iris am Telefon, 'ist noch nicht gemalt worden. Glaub mir, einmal werde ich es malen.'"

Iris malt Kirchenbilder. Und wie sie ihren anmaßenden Vorsatz in die Tat umzusetzen versucht, zeigt das überraschende Ende der ersten Geschichte. Die erste Erzählung gibt eine Art Subtext auch für alle folgenden vor: Wer wirklich jung sein, wer wirklich lieben, wer als Schauspieler oder Künstlerin bestehen will, muss das Absolute wollen und suchen. Und diese Suche führt sowohl zur Auseinandersetzung mit der Tradition, auch der religiösen, als auch zum unbedingten Wunsch, das Vorgegebene eigensinnig zu verwandeln und mit dem, was neu ist, zu verquicken. Das macht Bergers Geschichten und ihn als Autor interessant.

Barbara Dobrick , Deutschlandradio, 26.9.2009


Vor allem aber verfügt Clemens Berger über eine Sprache, mit der er einen kurzen Dialog als schnellen Schlagabtausch ebenso zu gestalten weiß wie lange Reflexionspassagen. Lange Sätze wechseln mit einem Staccato von Wörtern, beides ist an der jeweiligen Stelle adäquat. (...) Clemens Berger gehört zu den Autoren, von denen man sich nicht nur eine Story merkt oder ein Sujet, sondern vor allem auch Sätze - und die sind noch immer die Basis von Literatur. Was für ein (seltenes) Glück, dass der Wallstein Verlag den Mut hatte, die Zusammenarbeit mit dem Autor mit diesen Erzählungen zu beginnen. Denn das sind bei weitem keine Nebenprodukte, wie man heute offenbar zu unterstellen scheint, sondern glänzend geschliffene und kunstvoll gefasste Perlen. 

Ernst genommen

Ein leichtes Buch trotz seiner Intellektualität, ein Lesevergnügen, obwohl man oft zum Innehalten gezwungen ist, und ein schnelles Erzähltempo, das dennoch jederzeit ein Innehalten zulässt, um ein Detail genau ins Bild zu rücken oder zu reflektieren - Clemens Bergers Erzählband "Und hieb ihm das rechte Ohr ab" besticht durch viele Register der Erzählkunst und ist dafür einhellig gelobt worden. Er versteht es, Spannung zu erzeugen, aber sie ist nie Selbstzweck. Die Schlüsse sind immer unerwartet, aber nie ein aufgesetzter Gag, sondern haben im Nachhinein betrachtet ihre Logik; und dass diese Erzählungen nicht einfach vorbeirauschen, sondern diese Nach-Betrachtung geradezu erzwingen, ist ihre große Stärke.  

Dass einem Bergers Texte nicht so schnell aus dem Kopf gehen, liegt nicht zuletzt an ihren kalkulierten Aussparungen: Realitätspartikel (zum Beispiel die Ehe des Philosophen Slavoj Zizek mit einem Fotomodell) blitzen auf, werden aber nicht ausgewalzt; Zeitindikatoren (die Demonstration bei der Angelobung der schwarz-blauen Regierung in Österreich im Jahr 2000 oder die aberwitzige Pflanzung von Gemüse am Heldenplatz im "Bedenkjahr" 2005) sind nur en passant gesetzt und Landschaften, von denen man spürt und weiß, dass der Autor in ihnen zu Hause ist, sind so sparsam gezeichnet, dass sie geradezu nach einer weiteren Bebilderung im Kopf des Lesers schreien. Auch die Geschichten selbst muss man sich oft erst zusammensetzen, so schnell springt der Erzählfluss hin und her zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Erinnerung und Jetzt.  

Aus allen Hauptfiguren dieser Erzählungen leuchtet eine starke Erinnerung; eine Liebes-Erinnerung. Und ihr Licht lässt die Gegenwart grau und abgestanden erscheinen. Das zu erkennen ist für Alfred, den Judas-Darsteller bei den Passionsspielen in St. Margarethen, tödlich, für den Ich-Erzähler in "So warm im Kopf" wird es zur Quelle seiner Kunst: Just an dem Tag, an dem ihm seine große Liebe nach dreijährigem Schweigen mitteilt, sie habe einen Sohn geboren, konnte er endlich mit seiner Erzählung über Rom beginnen, wo diese Liebe ihre Zeit und ihren Raum hatte. Italien und die Liebe, der Neubeginn und das wahre Leben in südlicher Sonne - jaja, eine alte Tradition in der deutschsprachigen Literatur, und mit einem Bachmann-Zitat wird sie auch eingespielt. Bergers Erzählen hält dieser Tradition stand, ist nicht abgekupfert. Wie auch seine Zitate von der Pop-Musik bis zu Günter Eichs lakonischem Gedicht "Fußnote zu Rom" nie zu sekundärem Bescheidwissen verkommen, sondern in die Wahrnehmungen und den Erzählfluss eingeschmolzen werden.  

Eine besondere Stärke dieser Erzählungen ist, dass ihre Figuren nicht eindeutig sind - der Erzähler denunziert sie nie, sondern zeichnet sie mit einer verhaltenen Liebe, aber er gibt ihnen auch nicht recht. Besonders deutlich ist das in der ersten Erzählung mit dem hintersinnigen Titel "Eine schwere Geburt": "›Das wahrste Bild von allen, und das revolutionärste‹, sagte Iris am Telefon, ›es ist noch nicht gemalt worden. Glaub mir, einmal werde ich es malen.‹" - So viel Pathos schon im allerersten Satz taucht sich geradezu selbst in ironisches Licht, das dann auch auf Iris' pauschale Abrechnung mit der zeitgenössischen Kunst fällt: "Das Abstrakte, die Installationen, die Fotos, die Videos, die Beipackzettel, die Selbstverstümmelungen, kurz, was sie Scharlatanerie nannte, widerte sie an." Sie will malen wie die Alten Meister, und dieser Versuch korrespondiert auch mit einem neuen Lebensmodell: Sie sucht die Abgeschiedenheit im burgenländisch-ungarischen Grenzgebiet und arbeitet versessen an einem Altarbild über Christi Geburt. "Dass Sie mir nichts Abstraktes malen", ist der Pfarrer besorgt. Doch sie hat ohnedies etwas ganz Realistisch- Konkretes im Sinn: Maria mit gespreizten Beinen, aus deren gedehnter Vagina "ein kleines Köpfchen mit Heiligenschein auf die Welt kommt". Bei der Enthüllung des Bildes in der Christmette 2001 kommt es zu Handgreiflichkeiten und einem Tumult, den ein abstraktes Bild nie hätte auslösen können. Damit wird Iris schlagartig bekannt und hat viel Geld, und das Bild kommt ins Museum. 

In ähnlicher Weise oszilliert in der titelgebenden Erzählung der Judas-Darsteller Alfred zwischen unbedingter Mission und Lächerlichkeit. Er gerät in den Bann der biblischen Erzählungen vom Tod Jesu, als er sich über die Rolle des Judas klar werden will. "Er las immer und immer wieder die Stellen, die ihn betrafen. Er hätte nie gedacht, dass Lesen ihm einmal solchen - nein, Spaß war es keiner. Aufregung. Spannung. Spurensuche. Fahndung. Alfred versuchte sich die genauen Wortlaute einzuprägen. Er musste zumindest die Szenen verstehen, an denen er beteiligt war." Das Spiel wird zum Brennpunkt seines Lebens: "Alles, was ihm einfiel, wenn er sich in Judas, oder wenn er den Judas in sich versetzen sollte, waren Kindheitsgeschichten und die wenigen Blitze seines Lebens, die den Gleichklang der Jahre aufdröselten." Der intensivste Blitz war Anna, seine erste Liebe, die auch in der Passion mitspielt, aber zur Gegenseite, zu "den anderen" übergelaufen ist, die Alfred für einen Spinner halten. Alfred ist konventionell-beruhigt verheiratet, Anna hat eine gescheiterte Ehe hinter sich - die beiden haben gerade noch eine Affäre zustande gebracht, konnten aber nicht mehr anschließen an die Liebe von damals. Alfreds innere Dramen und seine mickrige Fassade - dieser Gegensatz hält die Erzählung in Gang. "Ein Teil seines Lebens, vielleicht der beste, war immer heimlich geblieben."  

Beeindruckend sind auch die Nebenfiguren, die Clemens Berger in Mikroszenen porträtiert: das alte Weinbauern- Ehepaar in "Eine schwere Geburt" oder der Herr Horvath in "Und hieb ihm das rechte Ohr ab". Gerade an ihm zeigt sich, wie in diesen Texten Äußerungen von Religiosität ernst genommen werden, ohne dass der Erzähler oder gar der Autor einen religiösen Standpunkt einnehmen würde oder die Ambivalenz des Katholizismus aus dem Blick geriete. Herr Horvath hatte immer am Karfreitag in der Kirche die Passion gelesen, und das war "der Auftritt seines Lebens". Doch die Kirchenbesucher warteten nur auf den Halbsatz Und hieb ihm das rechte Ohr ab - "Weil er das r so rollte. Weil man das stumme h hörte." Alfred hatte nie eingestimmt in das Lachen, und jetzt wird er für ihn als Passionsspieler zum Vorbild: "Herr Horvath hatte etwas verstanden. Wenn er aus der Bibel vorlas, wollte er lesen, was das stand. Er hatte die Worte ernst genommen. "

Ernst genommen hat auch Clemens Berger seine Figuren, die so unterschiedlich sind wie die Milieus seiner Erzählungen, aber auch die Erzählweise. In "Just because the sky?" zum Beispiel wird die Unentschiedenheit zwischen großer Liebe und etablierter Beziehung mit schnellen Schnitten und ganz konzentriert auf das Geschehen erzählt, während in "So warm im Kopf" der Poesie der Erinnerung breiter Raum gegeben wird. Und die letzte Erzählung "Aufreizendes Geplapper" ist eine hintergründige Groteske aus dem Uni-Milieu um einen erfolgreichen Philosophen, der den Marxismus seiner Studienzeit rechtzeitig ad acta gelegt hat. Und gerade auch hier zeigt sich: Für Clemens Berger ist seine philosophische Bildung ein gutes Erzählmaterial und nie ein Ballast, der die bereits mehrmals gerühmte Leichtigkeit seines Erzählens beschwert - eine Leichtigkeit, die schwer und genau erarbeitet ist.  

Vor allem aber verfügt Clemens Berger über eine Sprache, mit der er einen kurzen Dialog als schnellen Schlagabtausch ebenso zu gestalten weiß wie lange Reflexionspassagen. Lange Sätze wechseln mit einem Staccato von Wörtern, beides ist an der jeweiligen Stelle adäquat. Und gekonnt weiß er mit dem französisch gefärbten Deutsch von Cherelle zu spielen. Clemens Berger gehört zu den Autoren, von denen man sich nicht nur eine Story merkt oder ein Sujet, sondern vor allem auch Sätze - und die sind noch immer die Basis von Literatur. Was für ein (seltenes) Glück, dass der Wallstein Verlag den Mut hatte, die Zusammenarbeit mit dem Autor mit diesen Erzählungen zu beginnen. Denn das sind bei weitem keine Nebenprodukte, wie man heute offenbar zu unterstellen scheint, sondern glänzend geschliffene und kunstvoll gefasste Perlen. 

Cornelius Hell , Literatur und Kritik, September 2009


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